Losstopschade

Der Straßenatlas für die Datenautobahn, kartografiert von Daniel Diekmeier. Archiv. Jetzt abonnieren →

The Humble Zero Width Space

Mein liebstes Satzzeichen ist vermutlich das breitenlose Leerzeichen. Ich mag Dinge, die gleichzeitig sinnvoll, absurd, witzig und etwas obskur sind, und da gehört dieses Leerzeichen definitiv dazu. (Das klingt, als wäre ich eine Figur aus einem Buch von John Green, but stay with me.)

Vielleicht seid ihr überrascht, dass es überhaupt mehr als ein Leerzeichen gibt. Um ehrlich zu sein: Bei meiner „Recherche“ für diesen Artikel war ich selbst überrascht, dass Wikipedia achtzehn verschiedene Leerzeichen in Computersystemen auflistet. Oh je. So weit wollte ich gar nicht gehen!

Das breitenlose Leerzeichen benutze ich eigentlich nur, wenn ich in einem Tweet gerne einen Genitiv benutzen möchte, zum Beispiel „Ich mag @danjel​s leckere Pizza.“ Im Englischen wäre das unproblematisch, aber im Deutschen möchte ich ja nicht „@danjel’s“ schreiben (oder gar „@danjel s“), sondern halt „@danjels“. Damit das „s“ aber nicht zum Nutzernamen gezählt wird, muss man es mit einem, ihr ahnt es, breitenlosen Leerzeichen abtrennen: „@danjel​s“. (Ihr seht es nicht, aber hier ist ein Leerzeichen zwischen l und s!) Das ist der beste Twitterhack, den ich kenne, und bestimmt habe ich ihn von Max Friedrich.

Das breitenlose Leerzeichen eignet sich hervorragend, um Kollegen, Computersysteme und natürlich sich selbst zu verwirren. Zum Beispiel: Schreibt mal einen Artikel über breitenlose Leerzeichen, in dem breitenlose Leerzeichen vorkommen, und überprüft vor dem Veröffentlichen, ob ihr auch keins vergessen habt. Viel Spaß!

Mir geht es aber auch noch um etwas anderes: Manchmal sitze ich da und habe irgendeine diffuse Lust, irgendwas zu programmieren, aber weiß nicht, was. Ich könnte etwas an meinen bestehenden Projekten machen, aber die sind irgendwie so ernst. Manchmal würde ich lieber eine Kleinigkeit machen, die von allem anderen unabhängig ist, aber dafür müsste man erstmal eine Idee haben, und … so sitze ich manchmal stundenlang da und mache nichts.

Aber neulich, als ich mal wieder „Breitenloses Leerzeichen“ in Wikipedia (meiner liebsten Quelle für obskure Satzzeichen) gesucht habe, um es in einem Tweet benutzen zu können, dachte ich: Warum baue ich nicht endlich eine Seite, die genau das macht? Und das habe ich jetzt, und hier ist sie:

Besucht sie und holt euch eure eigenen Leerzeichen: Humble Zero Width Space ↗.

Die Seite besteht nur aus einer einzigen HTML-Datei, in die ich ein bisschen CSS und JavaScript reingeschrieben habe. Von der Idee bis zum Deploy (und damit meine ich, dass ich die Datei per FTP auf meinen Uberspace geschoben habe) dauerte es etwa fünfzehn Minuten. Ich kann nur empfehlen, sowas ab und zu mal zu machen, um sich zu erinnern, wie es sich anfühlt!

Jemand, der Nein sagt

Es ist schön, tolle Kollegen zu haben. Kollegen, mit denen man sich Schritt für Schritt durch gruselige Interfaces klicken kann, um zusammen Lösungen zu finden. Kollegen, mit denen man beim Pair Programming mal in eine Tangente über COBOL abrutscht. Aber manchmal ist es schön, Kollegen zu haben, die auch mal „Nein“ sagen.

Vor ein paar Tagen habe ich meinen Kopf für zwei Stunden gegen ein Problem gehauen, aber das einzige, was nachzugeben drohte, war mein Schädel. Die genauen Details sind nicht besonders interessant (und schwer zu erklären). Es sei nur gesagt, dass ich kurz davor war, extrem viel Aufwand zu betreiben, um einen sehr kleinen Effekt in einer App zu erzielen.

Irgendwann hatte ich schon dutzende Zeilen Code geschrieben und dachte mir: Dieser Code (und die ganze Idee!) ist so unglaublich kompliziert, ich erzähle mal Timo davon. Vielleicht hat er eine bessere Idee, wie ich das umsetzen kann. Vielleicht kennt er einen coolen React Trick, den ich nicht kenne, mit dem es ein Einzeiler wird! Also erzählte ich ihm von meinem Problem. Schon während ich aufschrieb, was ich gerne machen würde, wurde mir klar, dass meine Idee noch komplizierter war, als ich vorher dachte. Timo las meine Nachricht und durchlief die fünf Stadien der Trauer:

  1. Er verstand nicht, was ich will
  2. Nach einer zweiten, ausführlicheren Erklärung verstand er dann doch, was ich will
  3. Er sagte, dass es vermutlich keine gute Idee ist
  4. Er erzählte, dass er mal etwas Ähnliches programmieren musste, aber dass es furchtbar war und er es nicht nochmal machen würde
  5. Er wiederholte, dass es vermutlich keine gute Idee ist

Schlussendlich waren wir uns einig, dass es keine einfache Möglichkeit gibt, meine Idee umzusetzen (wenn überhaupt!), und dass ich es einfach lassen sollte. Das war die (hoffentlich) beste Entscheidung für das Projekt, das Budget und die Codebase, die alle drei von wildgewordenem Drauflosprogrammieren hätten gesprengt werden können.

Sich gegenseitig zu unterstützen, um gute Lösungen zu finden, finde ich gut und es macht mir viel Spaß. Aber mindestens genauso gut finde ich, zusammen auch mal einen Schritt zurückzutreten und zu beschließen, dass etwas eine ganz und gar übertriebene Idee ist. Dabei ist es wichtig, dass alle Beteiligten geerdet genug sind, dass nicht einer sowas sagt wie „Und dann löte ich den Flux Kompensator direkt in den Connection-Pool und dadurch exhumiere ich dann den rückwärtsgepolten Neutronengenerator, und alles nur mit dreiundsiebzig npm Packages“ und der andere nur anerkennend nickt und sowas sagt wie „Oh krass.“

Vielleicht muss man öfter nicht nur „Können wir das bauen?“ fragen, sondern auch „Sollten wir das bauen?“ und „Ist das komplett übertrieben?“ Denn oft – öfter, als man denkt – ist die Antwort, einfach ruhig zu bleiben und nichts zu machen. Auch mal schön!

Wocheneinkauf

Seit ich in Berlin wohne, hatte ich Supermärkte in Laufweite und bin jeden Tag auf dem Weg nach Hause an ihnen vorbeigekommen. Insofern hatte ich nie einen Grund, meine Einkäufe zu planen – ich habe einfach jeden Tag einen kleinen Einkauf gemacht. Als ich dann vor etwas über einem Jahr angefangen habe, von Zuhause zu arbeiten, hat das meine Einkaufsfrequenz sogar noch erhöht. Man muss ja jeden Grund nutzen, mal die Wohnung zu verlassen!

Aufgrund der aktuellen Unpleasentness haben Clara und ich uns aber besonnen, dass es vermutlich sehr dumm wäre, jeden Tag ein- bis zweimal einkaufen zu gehen. Also haben wir das gemacht, was man sich ohnehin schon seit Jahren vornimmt, aber nie macht: Wir haben einen Essensplan für die ganze Woche erstellt. So wird man dann doch noch zu seinen eigenen Eltern.

Einmal die Woche schnappen wir uns jetzt so viele Taschen und Rucksäcke wie möglich, setzen unsere Masken auf, stürmen den gehen zu Edeka und kaufen Lebensmittel für knapp hundert Euro. Besonders beim ersten Mal war das sehr überraschend, aber wenn man es dann auf zwei Leute und eine ganze Woche herunterbricht, sind es nur noch knapp sieben Euro pro Tag pro Person. (Und andere Ausgaben für Essen, zum Beispiel für solche Frivolitäten wie In ein Restaurant gehen, haben wir zur Zeit fast nicht.)

Besonders überrascht haben mich die vielen positiven Nebeneffekte des Essensplans: Zum Frühstück und Mittagessen macht sich jeder selbst, was er/sie will, und zum Abendessen wechseln wir uns mit Kochen ab. Seit Wochen hatten wir keine „Worauf hast du Lust?“ – „Nee, worauf hast du Lust?“ – „Nein, sag, worauf du Lust hast!“ Gespräche mehr – wenn im Plan Nudelsalat steht, dann gibt es halt Nudelsalat!

Wir sind besser darin geworden, vielseitige Gerichte aus unserem Repertoire zu kochen. Seit wir den Plan™ haben, haben wir keine Fertiggerichte mehr gegessen oder uns spontanen Cravings hingegeben. (Natürlich haben wir trotzdem einmal absichtlich und bewusst Nachos mit Käse gemacht, aber immerhin mit selbstgemachter Guacamole und Salsa.)

Natürlich ist nicht alles toll: Obwohl wir uns an allen anderen Tagen keine Gedanken mehr übers Einkaufen machen müssen, wird der Samstag komplett davon dominiert. Erst stellen wir den Essensplan zusammen, dann erstellen wir basierend auf dem Plan eine Einkaufsliste. (Kleiner Tipp: Einkaufslisten unbedingt so sortieren, wie auch die Produkte im Laden sortiert sind. Das ist bestimmt eine dieser Sachen, die schon jeder macht, aber mein Einkaufsleben wurde davon komplett auf den Kopf gestellt!) Anschließend spielen wir eine Stunde Animal Crossing, um uns mental auf den Einkauf vorzubereiten, drucksen noch eine Weile herum, und wenn uns gar nichts mehr einfällt, gehen wir endlich los. Wieder zuhause muss dann noch alles verstaut werden, und schon ist es halb sechs Abends. (So war es heute! Aber wir haben auch sehr lange geschlafen.)

Abschließend: Eigentlich war der Essensplan aus der Not geboren, dass wir uns so selten wie möglich unter Leute begeben wollten. Aber die Vorteile haben mich komplett überrascht und überzeugt. Ich hoffe, dass wir den Plan (zumindest teilweise) beibehalten können, auch wenn man irgendwann wieder guten Gewissens täglich einkaufen gehen kann.

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